Im richtigen Moment bereit sein
Linq Photonics entwickelt photonische Chips zur Lichtmodulation, die die Leistung und Skalierbarkeit von Quantencomputern verbessern. Die Ursprünge des Startups liegen in der Neuromorphic Quantum Photonics Group der Universität Heidelberg. Deren Leiter, Prof. Wolfram Pernice, ist dem Team als Mentor verbunden und bringt Erfahrungen aus den erfolgreichen Gründungen von Pixel Photonics und Salience Labs ein. Im Interview sprechen COO Jade Robinson und CTO Julius Römer über den technologischen Ansatz von Linq, die Perspektiven der Skalierung sowie über die Bedeutung der World of Quantum für ein Quantentechnologie-Startup.
Herr Römer und Frau Robinson, möchten Sie uns Linq Photonics kurz vorstellen?
Julius Römer: Gern! Wir sind ein junges, aus der Uni Heidelberg ausgegründetes Startup. Unsere Ursprünge liegen in der Neuromorphic Quantum Photonics Group von Prof. Wolfram Pernice, in der wir unter anderem Entwicklungsprojekte mit Münchener Quantencomputing-Unternehmen vorangetrieben haben. Unserem heutigen CEO Rasmus Bankwitz kam dabei die Idee für einen photonischen Chip, mit dem sich Quantencomputer insbesondere auf der Basis von Atom- und Ionenfallen steuern lassen. Denn die brauchen präzise Lichtpulse in spezifischen Wellenlängen. Im Prinzip bringt erst das auf unserem Chip modulierte Licht die Qubits in den richtigen Zustand für die Rechenoperationen. Unser Projektpartner findet den Ansatz so gut, dass er ihn kommerziell nutzen möchte. Auf dieses Feedback hin haben wir die Gründung in die Wege geleitet. Prof. Pernice hat mit Pixel Photonics und Salience Labs bereits zwei sehr erfolgreiche Gründungsprojekte initiiert und unterstützt unser Projekt mit Rat und Tat. Aktuell werden wir im Programm EXIST Forschungstransfer des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert. Während Rasmus und ich eher die Technologie-Nerds sind, bringt Jade die nötige Businesserfahrung ein.
Jade Robinson: Wir sind bei einem Matchmaking-Event im Zuge des XPLORE-Programms der TU München zusammengekommen. Das Programm richtet sich speziell an Teams in der Inkubationsphase. Neben der Hilfe beim Teambuilding bietet es Teams Unterstützung beim Konkretisieren ihres Geschäftsmodells, Zielmarkts und ihrer strategischen Ausrichtung. Wir waren zum Zeitpunkt der World of Quantum 2025 noch nicht offiziell als GmbH gegründet, haben die Plattform aber genutzt, um uns und unsere Technologie vor dem internationalen Fachpublikum zu präsentieren. Die offizielle Gründung folgte erst im März 2026.
Sie machen also gerade erst Ihre ersten unternehmerischen Schritte. Was hat es mit ihren photonischen Chips auf sich und wie sind sie aufgebaut?
Römer: Im Prinzip geht es um Lichtmodulation direkt auf einem photonisch integrierten Chip. Unsere Kunden brauchen Lösungen, um tausende Atome oder Ionen in Quantencomputern individuell zu kontrollieren und manipulieren. Dazu braucht es spezifische Wellenlängen und Pulse, für die es nicht jene kostengünstige Hardware von der Stange gibt, die für Telekom-Anwendungen in hoher Stückzahl auf Siliziumbasis hergestellt wird.
Unsere Chips bauen auf einer passiven Plattform aus Siliziumnitrid und aus Lithiumniobat (LiNbO3) für die aktiven Schaltkreise auf. Zur Verarbeitung dieser Materialien und der Umsetzung der Modulation im sichtbaren Wellenlängenbereich von 400 bis 1700 nm haben wir entsprechendes Know-how aufgebaut. So können wir Chips auf die hohen Anforderungen unserer Kunden hin designen, in Simulationen optimieren und bauen. Es kommt in den Quantencomputing-Anwendungen besonders auf das richtige An- und Aus-Verhältnis an. Hier erreichen wir eine Extinction Ratio von bis zu 60 dB. In Verbindung mit der exakten Phasen- und Amplitudenkontrolle ist das ein Alleinstellungsmerkmal. Auf den Chips integrieren wir unter anderem Strahlteiler, optische Filter und die Möglichkeit zum Multiplexen, um verschiedene optische Signale in einer Faser bündeln zu können.
Geht es in erster Linie um Material-Knowhow oder um das Chipdesign?
Römer: Es ist ein Mix aus Beidem: Um die unsere in Simulationen optimierten Chip-Designs bauen zu können, brauchen wir Materialverständnis, Packaging-Knowhow und die Fähigkeit, das Ganze elektronisch anzusteuern. Wir beziehen Wafer von spezialisierten Anbietern, auf denen kristalline LiNbO3-Schichten im Dünnschichtverfahren aufgebracht sind und bringen jeweils die entsprechenden Chipstrukturen, Metalle, Waveguides und Strahlteiler darin ein.
Für ein frisch gegründetes Hochschul-Spin-off ist das eine hohe Fertigungstiefe...
Römer: …wir haben hier an der Uni ein recht großes Team und viel fachliche Unterstützung von Expertinnen und Experten. Und wir setzen jeweils nur Chips für spezielle Anwendungen um, die wir zunächst von Grund auf simulieren. Dabei beziehen wir natürlich ein, auf welche Maschinen wir zugreifen können. Wir erproben Materialrezepte und Integrationskonzepte. Es ist ein iterativer Prozess, bei dem wir im EXIST-Forschungstransfer zur Produktentwicklung auf die Uni-Infrastruktur zugreifen können. Das ist unglaublich wichtig, weil diese technische Infrastruktur viel zu teuer ist, als dass wir sie jetzt schon anschaffen könnten. Der Sinn solcher Forschungstransfer-Programme ist, dass junge Unternehmen neu gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Umweg in den Markt transferieren. Perspektivisch ist es natürlich unser Ziel, uns nach und nach vom Hochschul-Ökosystem zu lösen und unsere Chips in höheren Stückzahlen bei Foundries fertigen zu lassen.
Die Skalierung setzt Nachfrage der Hersteller von Quantencomputern auf Neutralatom- oder Ionen-Basis voraus. Erwarten Sie, dass die Stückzahlen so bald steigen werden?
Robinson: Wir haben diverse Interessanten in Reihen der Quantencomputer-Hersteller, die sehr an unseren Chips interessiert sind und uns hohen Bedarf an unserer Chip-Technologie signalisieren. Sie möchten sie probehalber bei sich einsetzen. Natürlich ist die die Stückzahl aktuell noch nicht da, wo wir sie gerne haben möchten.
Römer: Es gibt bisher noch nicht so viele Firmen, die solche Quantencomputer herstellen. Und bevor sie Chips bei uns bestellen, möchten sie die natürlich erstmal intensiv erproben. Es gibt zudem Akteure in den USA, die inhouse Ansätze mit integrierter Photonik verfolgen, die unserem grob ähneln. Aber wir hören von der Neutralatom- und Ionenfallen-Community, dass sie nach einer solchen Lösung suchen, wie wir sie entwickeln. Es kann noch einige Jahre dauern, bis die Skalierung einsetzt. Bis dahin haben wir noch viel zu tun, damit wir im richtigen Moment bereit sind – und mit unseren Lösungen den Standard setzen können.
Die Würfel, welche Quantencomputer-Plattform sich durchsetzen wird, sind noch nicht gefallen. Bezieht Ihr Geschäftsmodell diese Unsicherheit ein?
Römer: Unsere Pläne sehen vorerst nicht vor, schnell in hohe Verkaufszahlen zu kommen. Statt der Quantität geht es vorerst um die Qualität und darum, die Quantensysteme selbst zu skalieren. Die Hersteller stehen vor der Herausforderung, Rechnerplattformen von 100 auf 1.000 oder sogar 10.000 Neutralatome zu skalieren. Diese Skalierung sehen wir als Chance! Unsere Chips – und unser Startup – können mitwachsen. Daher geht es aktuell weniger um die reine Stückzahl als um Ansätze, unsere Chips für die rasant wachsenden Anforderungen fit zu machen – vom immer engeren Packaging bis zur Fähigkeit, eine hohe Zahl an Atomen mit exakt getimten Lichtimpulsen anzusteuern. Am Ende braucht es für 10.000 Atome auch 10.000 Modulatoren. Das ist die Skalierungsaufgabe, die wir lösen wollen. Die Komplexität unserer Chips wird massiv zunehmen. Sie müssen auf immer weniger Raum immer mehr können. Die elektronische Ansteuerung, Kühlung, das Multiplexing, um nicht 10.000 optische Fasern anbinden zu müssen, die Anordnung der Waveguides, Filter und Modulatoren sowie die Zuverlässigkeit, Stabilität und Bandbreite: Wir wollen all das lösen, bevor der Markt Fahrt aufnimmt. Daher verstärken wir uns personell in der Softwareentwicklung und Fabrikation.
Welche Rolle spielt eine Messe wie die World of Quantum für Ihr junges Startup?
Robinson: Sie ist sehr wichtig. Wir waren zu dritt dort und haben in unserem spezifischen Ökosystem wichtige Player gefunden; sowohl potenzielle Kunden als auch Zulieferer. Wir haben viele Gespräche geführt und wichtige Kontakte geknüpft. Dafür war es hilfreich, im Vorfeld über die Webplattform mit den Ausstellern aller drei Messen – World of Quantum, Laser World of Photonics und autmatica – in Kontakt treten und Meetings vereinbaren zu können. Viele waren offen, haben sich für unsere Technologie interessiert und gute Gespräche mit uns geführt. Gerade auf der Seite der Zulieferer, seien es Foundries, Hersteller von Fibre-Arrays, Elektronik, ASICs oder FPGAs, gibt es viel Neues zu entdecken. Da geht es nicht nur um die World of Quantum, sondern um die ganze Laser World of Photonics. Die Koexistenz beider Messen ist genau das, was wir und die gesamte Quantencommunity brauchen. Wir haben unter anderem einen sehr wichtigen Kontakt zu einem Zulieferer aus UK aufgenommen, der genau zu unserem Ansatz der Chip-Integration und des Packagings passt. Wir kannten das Unternehmen vorher noch gar nicht. Dieser Kontakt könnte mit Blick auf die Skalierung und den Aufbau unserer Fertigung sehr wichtig werden. Von daher war es eine sehr gute Entscheidung, dass wir schon vor der eigentlichen Gründung dort waren.